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    Romanistik

    Prof. em. Dr. Ernstpeter Ruhe

    Porträt des Künstlers als Sklave

    Zwei Augsburger Kupferstecher als Gefangene in Algier (1684-1688)

    Würzburg, Königshausen & Neumann, 2017

    (Studien zur Literatur und Geschichte des Maghreb, Band 9)

    Inhaltsverzeichnis

    Vorwort9
    I. In Bildern erzählen – Die Kupferstiche des Andreas Matthäus Wolfgang
    Künstler als Gefangene in Algier: Cervantes und A. M. Wolfgang
    "Delineavit in Algier 1687": Die Tradierung der Stiche
    "Tote Bilder animieren": Bild und Text
    Die Entdeckung der Stadt
    Die Entdeckung des Lebens am Hof des Dey
    Das Gesehene sehen machen: Autopsie und Authentizität
    Die Tradition des Trachtenbuches
    Selbstporträt und Titelkupfer
    19
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    II. Der Bericht von der "Algierischen Leibeigenschaft"
    Jugendlicher Übermut, oder Glück im Unglück
    Die Überlieferungsgeschichte
    Die Erstausgabe don 1767: Auf der Suche nach dem Erzähler
    Die Biographien der Künstlerfamilie Wolfgang
    Die zweite Auflage von 1769: Conrad Heinrich Stage
    Schichtungen des Erzählens
    Familienerinnerungen
    Dogge und Löwe: Tiergeschichten
    Der Dolch des Dey
    Geschichten und Geschichte
    Schulden und Sühne: Die Welt des Protestantismus
    Logificatio post festum

    "Obwohlen er ein gebohrner Türk" – der entlastete Blick
    "Die große Ehrlichkeit der Türken"
    Verlorene Söhne und göttliche Vorsehung: Erzählmodelle
    87
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    96
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    139
    III. Die Arbeit der memoria
    Zweieinhalb Jahrhunderte Rezeptionsgeschichte
    Geschichte als kollektive Fiktion
    "Wie glücklich und nützlich"
    149
    149
    157
    158
    Edition163
    Quellenverzeichnis
    Bibliographie
    Index nominum
    209
    225
    239

    Vorwort

    Von Korsaren überwältigt zu werden, sich auf einem anderen Kontinent unter Glaubensfeinden wiederzufinden, dort als Leibeigener vielfältigen Gefahren ausge­setzt zu sein, dann eines Tages wunderbarerweise erlöst zu werden und nach Hause zurückkehren zu können – einem solchen Stoff ist sein Publikum sicher. Der jahrhundertelange Erfolg der Berichte von Gefangenen, die vom 16. bis zur ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts von nordafrikanischen Korsaren ent­führt und in die Sklaverei verkauft wurden, ist hierfür Beleg genug. Diese Texte versprachen die unmittelbare Teilhabe an einem außergewöhnlichen Gesche­hen, das aus authentischer Quelle geschildert wurde.

    Wie prekär die Zuverlässigkeit einer solchen Quelle sein kann, weil die Erinne­rung unzuverlässig ist, die sich der Versuchung ausgesetzt sieht, das Er­lebte in vielfacher Form zu bearbeiten und zu fiktionalisieren, wie sehr schließ­lich der ehemalige Sklave zum Selbststilisieren und Lavieren neigen wird unter den Bedingungen der heimischen Gesellschaft, in die er zurückgekehrt ist und in die er wieder integriert werden möchte ­– diese Aspekte machen die Gattung der Sklavenberichte, die einen gewichtigen Teil zum europäischen Wissen über Nordafrika und das Reich des "Groß-Türcken" insgesamt beitrugen,[1] auch unter diskursanalytisch-literaturwis­sen­schaftli­chen Aspekten interessant. Denn erst die Rekonstruktion der Erwartungen, an denen sich die Texte explizit oder implizit orientieren in dem, was sie sagen oder nicht sagen, und in dem, wie sie sagen, was sie sagen, lässt eine Lektüre zu, die nicht für bare Münze nimmt, was sich als solche aufdrängt.[2] Wobei das erlebende Ich, das berichtet, immer wieder auch ein doppeltes oder sogar ein mehrfach verdoppeltes sein kann, vermehrt um Personen, die im Hintergrund mitwirkten, sich miterinnerten und mitschrieben oder allein die Feder führten an Stelle eines im Schreiben Unerfahrenen.

    Es sind Fragestellungen dieser Art, denen unsere Forschungen gelten und mit denen wir versuchen, das Gebiet der deutschsprachigen Sklavenberichte für die internationale Diskussion zu erschließen. Sie hat nach frühen Pionierleistungen von Godfrey Fisher[3] und vor allem Salvatore Bono[4] in der letzten Zeit einen außerordentlichen Aufschwung genommen und sich vielstimmig diversifiziert.[5] Seit Fernand Braudels grundlegender Einordnung der Kaperei als ein für das Mittelmeer der Neuzeit insgesamt charakteristisches Phänomen:

    la course est une piraterie ancienne, vieillie sur place, avec ses usages, ses accommodements, ses dialogues répetés [...]. D’où ces multiples réseaux de connivence et de complicité [...].[6]

    sind immer vertieftere Einsichten auch in die Widersprüchlichkeiten einer Epoche möglich geworden, in der ökonomischer Schaden, der dem Gegner mit der "Seeräuberei" zugefügt wurde, zugleich zur Entwicklung der ökonomischen und juristischen Beziehungen zu ihm beitrug und so im Gegenein­ander stets auch das Miteinander wachsen ließ, wie schon Braudel andeutete: "Disons vite: la course est une forme des échanges forcés dans tout l’espace méditerranéen."[7] Michel Fontenay hat diese spezifische Beziehung, die sich im Rahmen der "esclavage entre Blancs" als "l’économie de la rançon" entwickelte,[8] treffend auf den Punkt gebracht:

    Sous-produit d’un conflit multiséculaire entre la Croix et le Croissant, cet esclavage de frontière reliait des gens qui se connaissaient de longue date. [...] Dans ce face à face entre cousins ennemis, les fanatismes religieux n’empêchaient pas la compréhension mutuelle et une certaine complicité de comportement. Il n’est pas question pour moi de substituer une légende rose à la légende noire qui a si longtemps prévalu (notamment à l’encontre des Barbaresques) mais de souligner com­bien ce risque de captivité, normalisé par les mentalités du temps comme une fatalité possible dans l’ordre des choses, offrait en outre des portes de sortie [...] qui le rendaient plus supportable.[9]

    An den Paradoxien dieser Welt haben die Berichte teil, die die jüngere und vor allem die jüngste Forschung aus vielen westeuropäischen Literaturen sowie der nordamerikanischen inzwischen bekannt gemacht hat. Vor diesem Hintergrund analysiert beruht die Komplexität der deutschen Texte, denen unser Frageinteresse gilt, auf der Entwicklung, die die Gattung innerhalb der zeitgenössischen Literatur des 16. bis 19. Jahrhunderts zwischen den Texttraditionen von Pilgerbericht und Abenteuerroman nahm, hierbei im 18. Jahrhundert auch der Fiktion dienend und sich ihrer bedienend.[10]

    "Fingere" nicht als "täuschen" zu verstehen, sondern in des Wortes weitergefaßter Bedeutung von "künstlerisch schaffen", "eine Geschichte hervorbringen, formen und gestalten", hatte Natalie Zemon Davis für ihre Untersuchung von Gnadengesuchen des 16. Jahrhunderts vorgeschlagen, um so aus dem Quellenmaterial zu erarbeiten, was in jener Zeit eine gute Geschichte ausmachte,

    how sixteenth-century people told stories [...], what they thought a good story was, how they accounted for motive, and how through narrative they made sense of the unexpected and built coherence into immediate experience.[11]

    Für die hier interessierenden Sklavenberichte, für die die dem Verb "fingere" auch eigene Bedeutung von "sich vorstellen, vorgeben, erdichten" als narrative Versuchung stets mitbedacht sein will, ist die gleiche Aufgabe gestellt, gilt es ebenfalls zu suchen nach den "means and settings for producing the stories and to the interests held by both narrator and audience in the storytelling event", sowie nach den "’structures‘ existing prior to that event in the minds and lives of the sixteenth-century participants: possible story lines determined by the [...] approaches to narrative learned in past listening to and telling of stories [...]".[12]

    Das Ergebnis solcher historischen Rekonstruktionsbemühungen hat Hayden White wie folgt resümiert:

    A historical narrative is thus necessarily a mixture of adequate­ly and inadequately explained events, a congeries of established and inferred facts, at once a representation that is an interpretation and an interpretation that passes for an explanation of the whole process mirrored in the narrative.[13]

    Wenn man im Lichte dieser methodischen Überlegungen den hier zu behandelnden Text analysiert hat, wird man erstaunt feststellen, dass er in seinen Eigen­heiten Zug um Zug mit dem Fazit von White übereinstimmt. Das heißt, man könnte in dem Zitat die Historiker-Untersuchung ("A historical narrative") gegen die hier interessierende "story", also den Untersuchungsgegenstand selbst, austauschen. Das Ergebnis unserer Untersuchung wäre damit in den großen Linien schon implizit vorgegeben. Sah der Erzähler von einst schon unsere Interessen voraus und kam ihnen hilfreich entgegen? Oder sind unsere Fragen nur die theoretisch elaborierten Neuformulierungen der Antwortstrategien von einst?

    Der im Folgenden zu analysierende Fall ist – so deutet sich hiermit schon an – besonders interessant. Denn er verkompliziert auch die schon oben skizzierte, hinreichend komplexe Rezeptionssituation der Sklavenberich­te weiter und konfrontiert uns mit einem sonst unbekannten Medienwech­sel: Nach der glücklichen Rückkehr der beiden jungen Künstler aus algerischer "Leibeigenschaft" findet zunächst ein Erzählen in Bildern statt. An Stel­le des sonst üblichen Berichts wird von einem der beiden losgekauften Brü­der aus Augsburg eine Serie von Kupferstichen publiziert. Ihre Funktion ist eine doppelte: Sie illustrieren auf der einen Seite ein spezifisch autobiogra­phisches Erleben, auf der anderen Seite fügen sich die Sujets in ihrer Aus­wahl und Präsentation in die Tradition der Trachtenbilder ein. Das wichtigste, in München erhaltene Rezeptionsdokument belegt diese Kontextualisierung.

    Erst mehr als sechs Jahrzehnte nach dieser künstlerischen Darstellung und Jahre nach dem Tod der Brüder sollte ein Text mit der "ungekünstelte[n] Erzählung einer Begebenheit" durch den Sohn eines der beiden folgen (p. 168)[14], der als Sklavenbericht die Konventionen der Gattung sprengt: Seine ungewöhnliche, hybride Form kombiniert die Erzählung von der "algierischen Leibeigenschaft" der beiden Brüder Wolfgang mit den chronologisch angeordneten Biographien der gesamten Künstlerfamilie gleichen Namens, die an den Bericht abschließend angefügt sind. Damit waren neue Entstehungs­­bedingungen für den Bericht gegeben, und es trat ein präziser gesellschaftlicher Aspekt für das Erzählen in den Vordergrund. Denn genetisch – so wird sich im Folgenden zeigen – war der biographische ‚Anhang‘ der Auslöser für die narrative amplificatio, die einem "wunderbaren" autobiographischen Ereignis eine entsprechend eingehendere Darstellung widmete. Die Schilderung des besonderen persönlichen Schicksals, nicht an ein breites Publikum, sondern lediglich an das persönliche Umfeld der Familie Wolfgang gerichtet mit dem Ziel, "das Angedenken [...] in unserer Freundschaft aufzubewahren" (p.168), stand letztlich im Dienst der Kunstgeschichte. Die Rezeptionsgeschichte setzte diesen Ursprung wieder ins Recht und ließ den bislang dominanten Bericht, zunehmend kürzer resümiert, innerhalb der Wolf­gang-Artikel der deutschen Künstlerlexika bis heute im Gedächtnis bleiben.

    Künstlerische Selbstdarstellung des Ich am Beginn, viel später dann die Abfassung des Berichts für den Kreis der Freunde durch einen Sohn, die sich in einer zweiten Auflage durch Familienerinnerungen anreichert, ­schließlich eine lange Rezeptionsgeschichte – mit diesem Dreischritt präsentiert sich memoria im Falle der Wolfgang-Brüder in der triadischen Form, wie sie Paul Ricoeur zur Überwindung der Polarität von individuellem und kollektivem Gedächtnis in seiner Geschichte und Theorie der "mémoire" erarbeitet hat:[15] Zwischen beiden vermittele die Erinnerung der mir Nahestehenden ("les proches"), der "Menschen, die für uns zählen und für die wir zählen" ("ces gens qui comptent pour nous et pour qui nous comptons"); sie entsprächen der in der Antike gepriesenen philia, die zwischen dem einzelnen Individuum und seiner Verankerung in der polis die Mitte halte. Es ist diese Instanz der Freundschaft, die für die Erinnerung an die Wolfgangsche Sklavengeschichte zum entscheidenden Movens wird, indem sie die narrative Fixierung des Erlebten einfordert und damit dem "Angedenken" neue Impulse gibt, weit über die autobiographischen Kunstdokumente hinaus.

    Der Medienwechsel, der mit den Kupferstichen die Seherfahrung des erlebenden Ich am direktesten nachvollziehbar macht für das Auge des Bildbetrachters, implizierte auch einen grundlegenden Perspektivenwechsel innerhalb des narrativen Genres. Dieser Umwertung – so werden wir im Folgenden zu zeigen versuchen – liegt eine Weltauffassung zugrunde, für die das Ich den zentralen Referenzpunkt des Handelns darstellt. Es ist insoweit nur konsequent, wenn auch schon die Bilder aus der nordafrikanischen Frem­de um ein Selbstporträt gruppiert waren.

    Ein derartiges Ausmaß an Innovation erklärt sich durch eine Personenkonstellation, die im Kontext des üblichen Korsaren-Geschehens eine Ausnahme darstellt. Tief aus dem deutschen Binnenland stammende Brüder, zur weiteren Ausbildung als Kupferstecher aus der Augsburger Familienwerkstatt nach Amsterdam geschickt, fallen 1684 auf der Rückfahrt von England, wo sie einen Verwandten besucht hatten, in die Hände von algerischen Korsaren und werden an die gefürchtete Barbareskenküste verschleppt. Ihr Sklavenleben sollte vier Jahre dauern. Nach dem glücklichen Freikauf brachte der ältere der Brüder aus Algier eine Reihe von dort angefertigten Zeichnungen mit, die er in der heimischen Werkstatt in Kupfer stach und drucken ließ.[16]

    Diese Stiche, von denen wir insgesamt neunzehn auffinden konnten, werden in der vorliegenden Publikation erstmals zugänglich gemacht (Teil I). So wie die Bilder werden im zweiten Teil auch die Jahrzehnte später getrennt von ihnen gedruckten beiden Ausgaben des Berichts in ihren jeweils eigenen medialen und generischen Kontexten analysiert. Die abschließende Edition des Berichts ist synoptisch angelegt, um durch den Parallelabdruck der beiden 1767 und 1769 erschienenen Ausgaben die Änderungen, Korrekturen und Ergänzungen der zweiten Auflage leichter verständlich zu machen als dies mit den in einem kritischen Apparat gebotenen Varianten der zweiten Auflage möglich gewesen wäre.

    Die autobiographische Bilderserie des Andreas Matthäus Wolfgang und der Bericht seines Sohnes Gustav haben als je eigene Form der Auseinandersetzung mit einem außergewöhnlichen Geschehen ihre je eigene Rezeptionsge­schichte durchlaufen. Sie sind nur ausnahmsweise und dann nur physisch zusammengelaufen, wenn ein Besitzer des kleinen Buches seinem Exemplar die Stiche beibinden ließ, die er besaß.

    Bild und Bericht, das eine dem anderen in der langen Tradition der Skla­venberichte immer nur sehr marginal, wenn überhaupt beigegeben, fanden erst zur Einheit, als der Anlaß für die Gattung sich historisch überlebt hat­te. Unter dem Eindruck der Eroberung Algiers im Jahr 1830, die auch von Hegel freudig begrüßt wurde,[17] verfasste Rodolphe Töpffer, der Schöpfer des modernen Comics, die Bildgeschichte der Histoire de Monsieur Cryptogame, die den Helden in die Sklaverei in Algier geraten läßt.[18] Sie wurde europaweit ein großer Erfolg und erreichte in der deutschen, gereimten Bearbeitung unter dem Titel Fahrten und Abenteuer des Herrn Steckelbein Anfang des 20. Jahrhunderts die elfte Auflage.[19]

    Die Erleichterung darüber, daß von den Barbareskenstaaten nichts Furcht­erregendes mehr ausging, war offensichtlich allgemein. Sie machte sich Luft in einer witzig-phantasievoll und peripetienreich ausgesponnenen Geschichte, die die bisherige Welt der Sklavenberichte auf den Kopf stellte. Auf dem Höhepunkt des Geschehens flüchten die Algerier vor einem Großbrand ins Meer, das schnell von Turbanen bedeckt ist: "Dort verkühlt die Menschheit sich / Und ertrinket jämmerlich." Der Dey bittet seine auf einem Balken sich rettenden Sklaven, ihn mitzunehmen – vergeblich: "Wolltest Du mich hängen nicht?".[20] Mit der wunderbaren und ergötzlichen Historie des Herrn Steckelbein wird die lange durchlittene Angst vor Nordafrikas Piratenküste am Ende einfach weggelacht, mit Hilfe der Komik eines Comic.

    *  *  *

    Bei den Recherchen zu dem vorliegenden Buch haben wir vielfältige Hilfe erfahren. Danken möchten wir den Bibliotheken, die die Bildmaterialien zur Verfügung gestellt und die Druck­genehmigungen erteilt haben[21] und den Bibliothekarinnen und Bibliothekaren, die uns immer sehr freundlich und schnell auf unsere Fragen Bescheid gaben.[22] Unser Dank gilt hierbei insbesondere der Leiterin des Referats Alte Drucke in der Bayerischen Staatsbibliothek, Frau Dr. Claudia Bubenik, für ihre geduldigen Antworten auf unsere Fragen zu dem Münchener Konvolut, in dem dreizehn der hier interessierenden Stiche erhalten sind, und Frau Dr. Ruth Gstach für ihre Bereitschaft zur Diskussion über das Werk von Andreas Matthäus Wolfgang, mit dem sie sich im Kontext ihrer Forschungen zu dem Barockdichter Laurentius von Schnüffis intensiv beschäftigt hat. Unser Dank gilt ferner Helmut Schwarzfischer (Rosenheim) und Bogislav Winner (London) für die freundlichen Auskünfte und Präzisierungen zu einem im internationalen Antiquariat angebotenen Exemplar der zweiten Auflage des Berichts der Brüder Wolfgang.

    Frau Hayet Mehadji (Chargée des Affaires Culturelles, Algerische Botschaft Deutschland, Berlin) hat uns im Kontakt mit dem Musée National des Beaux-Arts in Algier entscheidende Hilfe geleistet. Dafür danken wir ihr herz­lich, so wie wir auch der Leiterin des Goethe-Instituts Algier, Frau Rita Sachse-Toussaint, und ihrem Mitarbeiter Amine Hattou unseren Dank für ihre Unterstützung sagen möchten.

    Würzburg, im September 2016


    1Almut Höfert: Den Feind beschreiben. "Türkengefahr" und europäisches Wissen über das Osmanische Reich 1450-1600. Frankfurt/New York: Campus, 2003 (Campus Historische Studien, t. 35), p. 319.
    2Cf. unsere Untersuchungen “Dire et ne pas dire. Les récits de captifs germanophones et les cérémonies de retour“, in: François Moureau (ed.), Captifs en Méditerranée (XVIe-XVIIIe siècles). Histoires, récits et légendes, Paris: Presses de l'université Paris-Sorbonne, 2008, p. 119-133 (online: www.romanistik.uni-wuerzburg.de/mitarbeiter/­emeri­ti_­und­_ehema­li­ge_mitar­beiter/ruhe/­publikationen/), und „L'aire du soupçon. Les récits de captivité en langue allemande (XVIe-XIXe siècles)", in: Anne Duprat & Emilie Piche­rot (ed.), Récits d'Orient dans les litté­ra­­tures d'Europe (XVIe-XVIIe siècles), Paris: Presses de l'université Paris-Sorbonne, 2008, p. 185-200.
    3Godfrey Fisher: Barbary Legend. War, Trade and Piracy in North Africa, 1415-1830. Oxford: Clarendon Press, 1957.
    4Cf. seine erste Monographie I corsari barbareschi. Torino: ERI, 1964, der viele andere Publikationen gefolgt sind, immer wieder auch mit Übersetzungen in andere Sprachen, cf. Corsari nel Mediterraneo. Cristiani e musulmani fra guerra, schiavitù e commercio. Milano: Mondadori, 1993. Die derzeit jüngste Publikation von Salvatore Bono trägt den Titel Schiavi. Una storia mediterranea [XVI-XIX secolo]. Bologna: Società editrice il Mu­li­no, 2016.
    5Daniel Panzac: Les corsaires barbaresques. La fin d’une époque 1800-1820. Paris: CNRS Editions, 1999. – Nabil Matar: Turks, Moors & Englishmen in the Age of Discovery. New York: Columbia University Press, 1999. – Paul Baepler: White Slaves, African Masters. An Anthology of American Barbary Captivity Narratives. Chicago-London: The University of Chicago Press, 1999. – Jacques Heers: Les Barbaresques. La course et la guerre en Méditerranée XIVe-XVIe siècle. Paris: Perrin, 2001. – Daniel J. Vitkus: Piracy, Slavery, and Redemption. Barbary Captivity Narratives from Early Modern England. Introduction by Nabil Matar. New York: Columbia University Press, 2001. – Sylvie Requemora – Sophie Linon-Chipon: Les Tyrans de la mer. Pirates, corsaires & flibustiers. Paris: Presses de l’université de Paris-Sorbonne, 2002 (Imago Mundi, t. 4). – Gérard Van Krieken: Corsaires & marchands. Les relations entre Alger et les Pays-Bas 1604-1830. Paris: Bou­chène, 2002. – Robert C. Davis: Christian Slaves, Muslim Masters. White Slavery in the Me­diterranean, the Barbary Coast, and Italy, 1500–1800. Basingstoke: Palgrave MacMillan, 2003. – Wolfgang Kaiser: Le commerce des captifs. Les intermédiaires dans l’échange et le rachat des prisonniers en Méditerranée, XVe-XVIIIe siècle. Ecole française de Rome, 2008. – François Moureau (ed.): Captifs en Méditerranée (XVIe-XVIIIe siècles). Histoires, récits et légendes. Paris: Presses de l’université Paris-Sorbonne, 2008. – Robert C. Davis: Holy War and Human Bondage: Tales of Christian-Muslim Slavery in the Early-Modern Mediterranean. 2009. – Adrian Tinniswood: Pirates of Barbary. Corsairs, Conquests and Captivity in the Seventeenth-Century Mediterranean. London: Jonathan Cape, 2010. – Gillian Weiss: Captives and Corsairs: France and Slavery in the Early Modern Mediterranean. Stanford: Stanford University Press, 2011.
    6Fernand Braudel, La Méditerranée et le monde méditerranéen à l’époque de Philippe II. Paris: Armand Colin, 21966, t. 2, p. 190-212 ("La course forme supplétive de la grande guerre"), hier p. 191 und 192. Braudel stützte seine Ausführungen "sur les résultats de trois livres essentiels" (p. 190, Anmerkung 4), und benannte neben den oben zitierten Büchern von Godfrey Fisher und Salvatore Bono das Werk von Otto Eck: Seeräuberei im Mittelmeer. Dunkle Blätter europäischer Geschichte von 1940, das 1943 in einer zweiten Auflage erschien (München – Berlin: Oldenbourg). Es ist erstaunlich, daß das Buch 1946 in einer Rezension von Henri Hauser wegen seiner „remarquable impartialité“ gelobt wurde (in Revue historique 196 [1946], p. 485-487; cf. die Schlußbeurteilung des Buchs p. 487: "Il se lit d’ailleurs avec intérêt, parfois passion. Nul ne saurait le négliger.") und auch bei Braudel mit keinem Wort erwähnt wird, daß es eine von der Ideologie des Nationalsozialismus (Rassentheorie, Judenhaß) geprägte Publikation ist. Der "Raubstaat Algier" wird dem "Untermenschentum" zugeordnet (p. 3; cf. p. 226: "das Mischvolk der Barbaresken"); die Juden hätten mit ihren "Schlichen" (p. 219) und als "Käufer und Hehler geraubter Waren" (p. 218) "schließlich alle wertvollen Monopole" besessen (p. 219) und sich beim Aushandeln des Lösegeldes der Sklaven mit Preistreiberei als Vermittler unverzichtbar gemacht: "Dieser traurige Handel war seit jeher eine jüdische Spezialität" (p. 220), bot ihnen doch die Beteiligung am Sklavenhandel „neben der Befriedigung ihres Christenhasses auch noch Aussicht auf Gewinn“ (p. 233). „Bezeichnenderweise“ hätten sich bei der Eroberung Algiers 1830 unter den Plünderern des Dey-Palastes "viele Juden" befunden: "Die Juden standen unter dem Niveau der Araber, ja fast auch der Christensklaven in der Barbarei." (p. 221). Passend zum Erscheinungsjahr 1940 der Publikation sah Eck das "Seeräuber-Banner" nach Algiers Fall 1830 nunmehr von England in "eine stärkere Faust" genommen: "Und heute ringt abermals die abendländische Schiffahrt vergeblich um die Freiheit der Meere und des friedlichen Handels." Mit dieser offensichtlichen Anspielung auf die Erklärung der Seeblockade Deutschlands durch die britische Regierung am 3. September 1939 schließt das Vorwort (p. VI). Cf. zur Kritik an Ecks Buch auch Magnus Ressel: Zwischen Sklavenkassen und Türkenpässen. Nordeuropa und die Barbaresken in der Frühen Neuzeit. Berlin/Boston: De Gruyter, 2012 (Pluralisierung & Autorität, t. 31), p. 39.
    7Braudel 1966, p. 206. Cf. so auch Martin Rink, der von "wirtschaftliche[n] Netzwerken" spricht, die die "Seebeutefahrer" organisieren mußten, und "das mediterrane Korsarentum [...] auf gesellschaftlichen Regeln" aufruhen sieht, "die sich im späten 16. Jahrhundert herausbildeten und in institutionalisierter Form über zwei Jahrhunderte bestehen blieben": "Korsaren im Mittelmeer. (Ir)reguläre Akteure zwischen Großmachtpolitik, kleinem Krieg und Lösegeldökonomie", in: Martin Hofbauer (ed.): Piraterie in der Geschichte. Potsdam: Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, 2013, p. 63-84, hier p 64 und 65.
    8Cf. zu diesem Ausdruck Wolfgang Kaiser in seiner Einführung zu dem von ihm herausgegebenen Kolloquiumsband Kaiser 2008, p. 13, sowie auch frühere Publikationen, in denen er diesen Begriff bereits einführte: "L’économie de la rançon en Méditerranée occidentale (XVIe-XVIIe siècle)", in Hypothèses 10 (2007), p. 359-368 und "Frictions profitables. L’économie de la rançon en Méditerranée occidentale (XVIe-XVIIe siècles)", in Simonetta Cavaciocchi (ed.): Ricchezza del mare. Richezza dal mare, secc. XIII-XVIII. Florenz: Le Monnier, 2006, t. 2, p. 689-701 (Atti delle Settimane di Studi e altri Convegni, t. 37).
    9Michel Fontenay: "Esclaves et/ou captifs. Préciser les concepts", in Kaiser 2008, p. 15-24, hier p. 22-23.
    10Cf. unsere Untersuchung "Der Türckenn gefangenschafft ledig". Les récits de pèle­rins captifs (XVIe et XVIIe siècles)", in: Anne Duprat (ed.), Légendes barbaresques. Le récit de captivité. Codes, stratégies, détournements (XVIe-XVIIIe siècles). Paris: Bouchène, 2016 (Collection Mediterranea), p. 69-85.
    11Natalie Zemon Davis: Fiction in the Archives. Pardon Tales and their Tellers in Sixteenth-Century France. Stanford: Stanford University Press, 1987, p. 4.
    12Ibidem.
    13Hayden White: Tropics of discourse, Essays in Cultural Criticism. Baltimore [u. a.]: The Johns Hopkins University Press, 1978, p. 51.
    14Der Text des Berichts von den Reisen und wunderbaren Schicksalen der Brüder Wolfgang wird, soweit nicht anders angegeben, nach der Erstausgabe von 1767 zitiert, die weiter unten p. 168-203 parallel zur zweiten, "vermehrten" Auflage von 1769 ediert ist.
    15Paul Ricoeur: La mémoire, l’histoire, l’oubli. Paris: Le Seuil, 2000, Teil 1, Kapitel 3, III: "Trois sujets d’attribution du souvenir: moi, les collectifs, les proches", p. 152-163, hier besonders p. 161 und 162.
    16Die Zeichnungen selbst sind nicht erhalten geblieben.
    17Für Hegel war von den drei Teilen des Kontinents Nordafrika "sozusagen das europäische Afrika [...] ein herrlicher Erdstrich, auf dem einst Karthago lag, wo jetzt Marokko, Algier, Tunis und Tripolis sind. Diesen Teil sollte und mußte man zu Europa herüberziehen, wie dies die Franzosen jetzt eben glücklich versucht haben: er ist wie Vorderasien zu Europa hingewendet; hier haben wechselweise Karthager, Römer und Byzantiner, Muselmänner, Araber gehaust, und die Interessen Europas haben immer hinüberzugreifen gestrebt." Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte, Kapitel 2, ed. Friedrich Brunstäd nach den Ausgaben der zweiten und dritten Auflage, 18402 und 18483. Stuttgart: Reclam, 1989, p. 153-154.
    18Die Bildgeschichte, 1830 verfaßt, erschien zuerst 1845 in der populären französischen Zeitschrift L’Illustration. Cf. zur Rezeptionsgeschichte das Vorwort von Thierry Groensteen zum dritten Band der Werkedition bei Le Seuil: Rodolphe Töpffer, Le Docteur Festus. Histoire de monsieur Cryptogame. Deux odyssées. Paris 1996, p. 5-16. Mit dem Thema der algerischen Sklaverei spielte Töpffer in der gleichen Zeit auch in seinem Theaterstück Les aventures de Monsieur de la Coquemolle (Folie en trois actes et en prose), das er im September 1830 mit seiner Frau und seinen Schülern aufführte.
    19Fahrten und Abenteuer des Herrn Steckelbein. Eine wunderbare und ergötzliche Historie. Nach Zeichnungen von Rudolf Töpffer in lustigen Reimen von Julius Kell. Dritte Auflage. Leipzig: F. A. Brockhaus. 1865 (Erstausgabe 1847). Die holländische Überarbeitung Mijnheer Prikkebeen (1858), die mit Kürzungen als Kinderlektüre lange erfolgreich blieb, wurde später ins Französische übersetzt unter dem Titel Voyages et aventures de Monsieur Maigrichon (zuletzt ediert 1970). Cf. hierzu das in der vorangehenden Fußnote zitierte Vorwort von Groensteen, p. 14.
    20Ed. 1865 (Titel cf. vorstehende Anmerkung), p. 59: Kapitel XV. !"Wie bei der Flucht die ganze Einwohnerschaft ums Leben kommt".
    21Es handelt sich um die auf folgenden Seiten reproduzierten Abbildungen: Staats- und Stadtbibliothek Augsburg: p. 43, 47, 71; Graphische Sammlung & Kunstsammlungen Stift Göttweig: p. 49, 69; Bayerische Staatsbibliothek München: p. 39-40, 44, 46, 48, 52-53, 56, 60, 63, 65-67, 69, 83; Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel: p. 81, 133. Cf. zu den einzelnen Stichen die Angaben im Quellenverzeichnis p. 209-217.
    22Hervé Noel (Centre de Documentation Historique sur l'Algérie, le Maroc et la Tunisie, Aix en Provence), Ursula Korber (Staats- und Stadtbibliothek Augsburg), Dr. Peter Stoll (Universitätsbibliothek Augsburg), Jutta Schöffel (Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz), Harlan Greene (William A. Rosenthall Judaica Collection, Charleston), Jörg Stolle (Georg-August-Universität Göttingen), Bernard Rameder (Graphisches Kabinett und Kunstsammlungen Stift Göttweig), Uta Wallenstein (Münzsammlung Schloß Friedenstein, Gotha), Christian Algar (The British Library, Rare Books, London), Emmanuel Pavy (Paris, Bibliothèque nationale, Département des Cartes et plans), Marten Asp (Kungliga Biblioteket, Stockholm), Luitgard Nuß (Württembergische Landesbibliothek, Stuttgart), Caterina Anrecht (Herzogin Anna Amalia Bibli­othek, Weimar), Henrietta Danker (Herzog August Bibliothek, Wolfenbüttel), Claudius Lüthi (Zentralbibliothek Zürich).